Selbst normale Vitamin-B12-Werte könnten dem Gehirn schaden

Vitamin B12 ist vor allem dafür bekannt, dass es den Körper bei der Bildung von DNA, roten Blutkörperchen und gesundem Nervengewebe unterstützt. Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die bloße Einhaltung des derzeitigen Mindeststandards nicht immer ausreicht, insbesondere bei älteren Menschen. Eine von der UCSF geleitete Studie ergab, dass gesunde ältere Menschen mit niedrigeren Vitamin-B12-Werten, selbst wenn diese Werte noch im akzeptierten Normalbereich lagen, Anzeichen subtiler neurologischer und kognitiver Probleme zeigten. Die Ergebnisse werfen eine provokante Frage auf: Manchen Menschen wird möglicherweise mitgeteilt, ihr B12-Status sei in Ordnung, während ihr Gehirn bereits erste Anzeichen einer Überlastung zeigt.

„Normaler“ B12-Spiegel bedeutet nicht immer optimal

Die in den Annals of Neurology veröffentlichte Studie untersuchte ältere Erwachsene, die weder an Demenz noch an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung litten. Selbst in dieser relativ gesunden Gruppe standen niedrigere Werte an aktivem B12 in Zusammenhang mit verlangsamten Denkprozessen, einer verlangsamten visuellen Verarbeitung und deutlicheren Schädigungen in der weißen Substanz des Gehirns. Die weiße Substanz besteht aus Nervenfasern, die die Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen des Gehirns ermöglichen.

Die Arbeit wurde von dem leitenden Autor Ari J. Green, MD, von den Abteilungen für Neurologie und Augenheilkunde der UCSF sowie dem Weill Institute for Neurosciences geleitet. Green und seine Kollegen sagten, die Ergebnisse wiesen auf eine mögliche Schwachstelle in den aktuellen B12-Richtlinien hin. Der Mindestschwellenwert, der zur Definition eines Mangels herangezogen wird, erfasst möglicherweise frühe funktionelle Veränderungen im Nervensystem nicht.

„Frühere Studien, die gesunde B12-Mengen definierten, haben möglicherweise subtile funktionelle Manifestationen hoher oder niedriger Werte übersehen, die Menschen betreffen können, ohne offensichtliche Symptome zu verursachen“, sagte Green und wies darauf hin, dass ein klarer Mangel an dem Vitamin häufig mit einer bestimmten Art von Anämie in Verbindung gebracht wird. „Eine Überarbeitung der Definition von B12-Mangel unter Einbeziehung funktioneller Biomarker könnte zu einer früheren Intervention und Prävention von kognitivem Verfall führen.“

Gehirnscans zeigten ein beunruhigendes Muster

Die Forscher rekrutierten 231 gesunde Teilnehmer im Rahmen der „Brain Aging Network for Cognitive Health“ (BrANCH)-Studie an der UCSF. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 71 Jahre alt, und keiner litt an Demenz oder einer leichten kognitiven Beeinträchtigung. Ihr durchschnittlicher B12-Blutspiegel lag bei 414,8 pmol/l und damit weit über dem US-amerikanischen Mindestgrenzwert von 148 pmol/l. Anstatt sich nur auf das Gesamt-B12 zu stützen, konzentrierten sich die Forscher auf die biologisch aktive Form des Vitamins, die möglicherweise besser widerspiegelt, wie viel B12 der Körper tatsächlich verwerten kann.

Nach Bereinigung um Alter, Geschlecht, Bildungsstand und kardiovaskuläre Risikofaktoren stellte das Team fest, dass Teilnehmer mit einem niedrigeren Gehalt an aktivem B12 bei kognitiven Tests eine langsamere Verarbeitungsgeschwindigkeit aufwiesen. Der Effekt war mit zunehmendem Alter stärker ausgeprägt. Sie zeigten zudem verzögerte Reaktionen auf visuelle Reize, was auf eine verlangsamte visuelle Verarbeitung und eine verminderte Effizienz der Signalübertragung im Gehirn hindeutet., MRT-Untersuchungen lieferten ein weiteres Warnzeichen. Teilnehmer mit einem niedrigeren aktiven B12-Spiegel wiesen ein höheres Volumen an Läsionen der weißen Substanz auf; dabei handelt es sich um Bereiche mit Hirnschäden, die mit kognitivem Verfall, Demenz und einem erhöhten Schlaganfallrisiko in Verbindung gebracht werden.

Warum ältere Erwachsene möglicherweise anfälliger sind

Die Studie konzentrierte sich gezielt auf ältere Erwachsene, da der Körper mit zunehmendem Alter Vitamin B12 oft nicht mehr so effizient aufnehmen und verwerten kann wie in jüngeren Jahren. Für die Aufnahme des Vitamins benötigt der Körper unter anderem ausreichend Magensäure sowie den sogenannten Intrinsic Factor – ein spezielles Protein im Magen, das den Transport von B12 im Darm ermöglicht. Beide Prozesse können im Alter beeinträchtigt sein. Dadurch kann es selbst bei einer eigentlich ausgewogenen Ernährung schleichend zu einer Unterversorgung kommen, ohne dass sofort eindeutige Symptome auftreten.

Zusätzlich können bestimmte Medikamente das Risiko eines niedrigen B12-Spiegels erhöhen. Dazu gehören etwa Magensäureblocker oder das Diabetesmedikament Metformin, die die Aufnahme des Vitamins im Verdauungstrakt beeinträchtigen können. Auch chronische Verdauungsstörungen, Entzündungen des Darms oder Ernährungsformen mit wenig tierischen Lebensmitteln – den wichtigsten natürlichen B12-Quellen – können dazu beitragen, dass die Versorgung mit dem Vitamin sinkt.

Die Co-Erstautorin Alexandra Beaudry-Richard, MSc, erklärte, dass die Ergebnisse darauf hindeuten, dass selbst ein niedriger, aber offiziell noch als „normal“ geltender B12-Spiegel größere Auswirkungen auf die Gehirngesundheit haben könnte als bislang angenommen. Ihrer Ansicht nach könnten diese Werte „die kognitiven Fähigkeiten stärker beeinträchtigen, als wir bisher dachten, und einen viel größeren Teil der Bevölkerung betreffen, als uns bewusst ist.“ Beaudry-Richard forscht am University of California, San Francisco Department of Neurology sowie am Department of Microbiology and Immunology der University of Ottawa.

Die Forscher betonen daher, dass die bisherigen Grenzwerte für einen Vitamin-B12-Mangel möglicherweise zu niedrig angesetzt sind, um frühe neurologische Veränderungen rechtzeitig zu erkennen. Während klassische Symptome eines schweren Mangels – etwa Blutarmut, Taubheitsgefühle oder starke Gedächtnisprobleme – oft erst spät auftreten, könnten subtilere Veränderungen im Gehirn bereits Jahre früher beginnen. Dazu zählen langsamere Denkprozesse, Konzentrationsprobleme oder eine verminderte Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen.

„Neben einer Neudefinition des B12-Mangels sollten Ärzte bei älteren Patienten mit neurologischen Symptomen eine Supplementierung in Betracht ziehen, selbst wenn deren Werte im Normbereich liegen“, sagte Beaudry-Richard. Langfristig hoffen die Wissenschaftler, dass weitere Forschung die biologischen Mechanismen hinter einer sogenannten B12-Insuffizienz besser erklärt. Sollte sich bestätigen, dass selbst leicht reduzierte aktive B12-Werte das Risiko für kognitiven Abbau erhöhen, könnte eine frühzeitige Erkennung und Behandlung dazu beitragen, altersbedingten geistigen Abbau besser zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Neuere Erkenntnisse liefern wichtige zusätzliche Informationen

Forschungsergebnisse, die nach und rund um die UCSF-Studie veröffentlicht wurden, haben eher Nuancen als eine einfache Antwort geliefert. Eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 kam zu dem Schluss, dass ein B12-Mangel nach wie vor ein modifizierbarer Risikofaktor für neurologische und kognitive Probleme ist, insbesondere bei Hochrisikogruppen wie älteren Erwachsenen und Vegetariern. Die Übersichtsarbeit hob auch die wachsende Bedeutung besserer Biomarker und bildgebender Verfahren des Gehirns für eine frühzeitigere Erkennung von Problemen hervor.

Eine systematische Übersicht und Metaanalyse von randomisierten Studien aus dem Jahr 2025 ergab, dass die Supplementierung mit B-Vitaminen, darunter B6, B9 oder B12, bei älteren Erwachsenen einen sehr geringen Nutzen für die allgemeine kognitive Funktion hatte. Die Autoren stuften die bereinigte Analyse als sehr sicher ein, doch der Effekt war gering, was darauf hindeutet, dass eine Supplementierung nicht für jeden einen dramatischen Schub für das Gehirn darstellt.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2025, die sich der Mendelschen Randomisierung bediente, fand keine eindeutigen Belege dafür, dass genetisch bedingt höhere Gesamt-B12-Serumspiegel die allgemeine Bevölkerung vor psychiatrischen Störungen oder kognitiven Beeinträchtigungen schützen. Die Autoren wiesen jedoch auf eine wichtige Einschränkung hin: Ihre Analyse stützte sich auf den Gesamt-B12-Serumspiegel und nicht auf die bioaktive Form, die in der UCSF-Studie gemessen wurde.

Insgesamt sprechen die neueren Erkenntnisse für eine vorsichtigere Einschätzung. B12 ist zweifellos essenziell für das Nervensystem, und ein Mangel sollte nicht ignoriert werden. Aber einfach den B12-Spiegel bei allen zu erhöhen, ist möglicherweise nicht die Lösung. Die dringlichere Frage ist, ob bei den derzeitigen Tests Menschen übersehen werden, deren Gehirn trotz „normaler“ Ergebnisse bereits beeinträchtigt ist.

Ein vermeidbares Risiko, das ernst genommen werden sollte

Die Ergebnisse der University of California, San Francisco-Studie beweisen zwar nicht, dass ein niedriger aktiver Vitamin-B12-Spiegel direkt kognitiven Verfall verursacht, sie legen jedoch nahe, dass die heutigen Grenzwerte für einen „normalen“ B12-Status möglicherweise nicht ausreichen, um die Gehirngesundheit zuverlässig zu beurteilen. Besonders der biologisch aktive Anteil des Vitamins könnte wichtiger sein als der bislang übliche Gesamt-B12-Wert im Blut.

Für Ärzte könnte dies bedeuten, bei älteren Patienten mit neurologischen Beschwerden genauer hinzusehen – selbst dann, wenn Laborwerte noch im Normbereich liegen. Symptome wie Konzentrationsprobleme, verlangsamtes Denken oder Gedächtnisschwächen könnten möglicherweise früher mit einem funktionellen B12-Mangel zusammenhängen als bisher angenommen.

Die Studie unterstreicht außerdem, dass ein „normales“ Testergebnis nicht immer eine optimale Versorgung bedeutet. Die Forscher hoffen daher, dass zukünftige Studien klären werden, ob eine frühzeitige Erkennung und Behandlung niedriger aktiver B12-Werte helfen kann, altersbedingten kognitiven Abbau besser zu verhindern.

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