Regelmäßige Bewegung kann mehr bewirken, als nur den Körper zu stärken. Neue Forschungsergebnisse der Victoria University (VU) untermauern die Erkenntnis, dass körperliche Aktivität auch eine wichtige Rolle für die Gesundheit des alternden Gehirns spielen könnte. Dabei geht es unter anderem um Prozesse, die mit dem altersbedingten Verlust kognitiver Funktionen und möglicherweise auch mit Erkrankungen wie Demenz und Alzheimer in Verbindung stehen.
Wie Bewegung das alternde Gehirn unterstützen kann
Der VU-Forscher Dr. James Broatch leitete eine Analyse, in der untersucht wurde, wie Bewegung das sogenannte glymphatische System beeinflussen könnte. Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um ein Abtransportsystem im Gehirn, das unter anderem dabei hilft, bestimmte Stoffwechselprodukte aus dem Gehirngewebe zu entfernen. Besonders während des Schlafs ist dieses System aktiv.

Die Bedeutung des glymphatischen Systems für die Gehirngesundheit wird zunehmend erforscht. Gleichzeitig ist bereits gut belegt, dass regelmäßige körperliche Aktivität zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gesundheit und das gesunde Altern hat. Welche Mechanismen dabei genau eine Rolle spielen, ist jedoch noch nicht vollständig geklärt. Die Erforschung dieser Zusammenhänge ist auch deshalb interessant, weil weltweit jedes Jahr mehr als 10 Millionen Menschen neu an Demenz erkranken. Eine Heilung gibt es bislang nicht.
Die von Fachkollegen begutachtete Übersichtsarbeit wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Trends in Neurosciences veröffentlicht. Die Forscher werteten dafür bereits vorhandene Studien zum glymphatischen System bei Tieren und Menschen aus. Dabei zeigte sich, dass körperliche Aktivität mehrere physiologische Prozesse beeinflussen kann, die möglicherweise mit der Funktion des glymphatischen Systems zusammenhängen. Dazu gehören unter anderem eine Senkung des Blutdrucks und der Gefäßsteifigkeit, Veränderungen der neuronalen Aktivität, eine Verringerung von Entzündungsprozessen sowie mögliche Verbesserungen des Schlafs.
Schlaf und das „Aufräumsystem“ des Gehirns
Eine besondere Bedeutung kommt dem Schlaf zu, denn das glymphatische System ist während des Schlafs besonders aktiv. Es unterstützt dabei, Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn abzutransportieren. Mit zunehmendem Alter verändern sich jedoch sowohl der Schlaf als auch verschiedene Funktionen des Gehirns – weshalb die Frage interessant ist, ob Bewegung diese Prozesse unterstützen kann. Dr. Broatch und sein Team untersuchten deshalb, welche Auswirkungen körperliche Aktivität auf die verschiedenen Vorgänge haben könnte, die mit der Funktion des glymphatischen Systems zusammenhängen. Die Analyse deutet darauf hin, dass Bewegung dabei über mehrere Wege eine Rolle spielen könnte.
Dazu gehören unter anderem eine bessere Gefäßgesundheit, weniger Entzündungsprozesse und ein erholsamerer Schlaf. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Bewegung die Schlafqualität verbessern und insbesondere den Tiefschlaf fördern kann. Auch die sogenannte Slow-Wave-Aktivität während bestimmter Schlafphasen steht mit den Reinigungsprozessen des Gehirns in Verbindung. Damit könnte Bewegung möglicherweise die Voraussetzungen verbessern, unter denen das glymphatische System während des Schlafs arbeitet. Die Forscher sehen darin einen interessanten Ansatzpunkt für die weitere Demenzforschung. Allerdings handelt es sich bislang um einen möglichen biologischen Mechanismus. Die aktuelle Forschung beweist weder, dass mehr Bewegung automatisch zu einer besseren glymphatischen Funktion führt, noch dass sich dadurch Demenz verhindern lässt. Welche Trainingsform, Dauer und Intensität für diesen Zusammenhang besonders günstig sind, muss in weiteren Studien geklärt werden.
Was Bewegung für die Gehirngesundheit bedeutet
Über das glymphatische System hinaus gibt es zahlreiche weitere Hinweise darauf, dass Bewegung für die Gesundheit des Gehirns von Bedeutung ist.: Körperliche Aktivität wird mit einem geringeren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz in Verbindung gebracht. Dabei dürfte nicht ein einzelner Mechanismus verantwortlich sein. Vielmehr kommen verschiedene positive Auswirkungen auf den Körper und das Gehirn zusammen.
Regelmäßige körperliche Aktivität kann unter anderem die Herz-Kreislauf-Gesundheit verbessern und dazu beitragen, Blutdruck und Blutzuckerspiegel günstig zu beeinflussen. Auch die Durchblutung des Gehirns kann davon profitieren. Eine gute Gefäßgesundheit ist wiederum wichtig, weil Veränderungen und Erkrankungen der Blutgefäße zu den Faktoren gehören, die kognitive Beeinträchtigungen begünstigen können. Darüber hinaus kann Bewegung den Stoffwechsel beeinflussen und mit weniger chronischen Entzündungsprozessen verbunden sein. Auch die psychische Gesundheit kann profitieren: Körperliche Aktivität wird unter anderem mit einer besseren Stimmung und einem geringeren Risiko für depressive Beschwerden in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt spielt Bewegung eine Rolle für den Schlaf, der wiederum für die Erholung und Leistungsfähigkeit des Gehirns wichtig ist.
Die Forschung versucht deshalb zunehmend zu verstehen, über welche verschiedenen Wege körperliche Aktivität das Gehirn langfristig beeinflussen kann. Die Ergebnisse der Victoria University ergänzen damit die bereits bekannten Zusammenhänge zwischen Bewegung und Gehirngesundheit um einen interessanten neuen Ansatz: die Funktion des glymphatischen Systems. Sie liefern jedoch keinen Beweis dafür, dass Sport Alzheimer oder andere Formen von Demenz verhindert. Vielmehr zeigen sie mögliche biologische Zusammenhänge auf, die in weiteren Studien untersucht werden müssen.
Krafttraining könnte ebenfalls helfen, gesund zu altern
Wenn es um die Gehirngesundheit geht, rückt auch Krafttraining zunehmend in den Fokus der Forschung. Eine weitere große Beobachtungsstudie liefert Hinweise darauf, dass regelmäßiges Krafttraining mit einem geringeren Risiko für einen vorzeitigen Tod verbunden sein kann.
Für die Untersuchung werteten die Forscher Daten aus drei langfristigen US-Studien aus, an denen insgesamt fast 150.000 Pflegekräfte und andere Angehörige der Gesundheitsberufe teilnahmen. Die Teilnehmer wurden über einen Zeitraum von bis zu 30 Jahren beobachtet und machten in regelmäßigen Abständen Angaben zu ihren körperlichen Aktivitäten, darunter Krafttraining und Ausdauerbewegung wie Gehen, Radfahren oder Schwimmen.
Im Beobachtungszeitraum starben fast 36.000 Teilnehmer. Dabei zeigte sich ein besonders interessanter Zusammenhang: Menschen, die etwa 90 bis 120 Minuten Krafttraining pro Woche angaben, hatten ein rund 13 Prozent niedrigeres Risiko zu sterben als Personen, die kein Krafttraining betrieben. Noch deutlicher war der Zusammenhang bei bestimmten Todesursachen. Das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, war bei denjenigen, die Krafttraining betrieben, um etwa 19 Prozent niedriger. Bei Todesfällen durch neurologische Erkrankungen, zu denen vor allem Demenz zählt, lag der Unterschied bei rund 27 Prozent.
Mehr Krafttraining brachte in dieser Untersuchung allerdings nicht automatisch zusätzliche Vorteile. Ab etwa zwei Stunden pro Woche zeigte sich kein weiterer Rückgang des Sterberisikos. Besonders günstig war die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining. Bereits die empfohlene Menge an moderater Ausdaueraktivität von etwa 150 Minuten pro Woche war mit einem deutlich niedrigeren Sterberisiko verbunden. Wurde diese Bewegung mit ein bis zwei Stunden Krafttraining pro Woche kombiniert, war der Zusammenhang mit der niedrigsten Sterblichkeit besonders ausgeprägt.
Warum Muskeln auch für die Gesundheit wichtig sind
Die möglichen Vorteile von Krafttraining gehen weit über Muskelaufbau und körperliche Leistungsfähigkeit hinaus. Die Skelettmuskulatur spielt eine wichtige Rolle im Stoffwechsel. Nach einer Mahlzeit nehmen die Muskeln einen großen Teil der im Blut vorhandenen Glukose auf und können sie zur Energiegewinnung nutzen oder als Glykogen speichern. Regelmäßiges Krafttraining kann dadurch dazu beitragen, die Insulinempfindlichkeit und die Blutzuckerregulation zu verbessern. Eine gut trainierte Muskulatur kann somit insbesondere im Zusammenhang mit Übergewicht und Typ-2-Diabetes von Bedeutung sein.

Darüber hinaus setzen Muskeln bei ihrer Aktivität sogenannte Myokine frei. Dabei handelt es sich um Botenstoffe, über die die Muskulatur mit anderen Organen kommunizieren kann. Die Forschung untersucht zunehmend, welche Rolle diese Signalstoffe unter anderem für Stoffwechsel, Entzündungsprozesse und die Gesundheit des Gehirns spielen. Auch für das Herz-Kreislauf-System kann Krafttraining Vorteile haben. Regelmäßige körperliche Aktivität kann unter anderem zur Blutdruckregulation beitragen und die Gefäßgesundheit unterstützen.
Krafttraining und Gehirn
Der Zusammenhang zwischen Krafttraining und der Gesundheit des Gehirns ist bislang weniger gut untersucht als der allgemeine Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und gesundem Altern. Erste Forschungsergebnisse sind jedoch interessant.
Eine mögliche Erklärung ist, dass Krafttraining mehrere Faktoren beeinflusst, die auch für das Gehirn wichtig sind. Dazu gehören beispielsweise Blutzucker, Blutdruck, Gefäßgesundheit und Entzündungsprozesse. Wenn diese Faktoren langfristig günstig beeinflusst werden, könnte dies auch dem Gehirn zugutekommen.
Die große Beobachtungsstudie fand entsprechend einen Zusammenhang zwischen Krafttraining und einem geringeren Risiko, an neurologischen Erkrankungen zu sterben. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Krafttraining Demenz verhindert. Die Untersuchung zeigt einen statistischen Zusammenhang und kann nicht beweisen, dass das Training selbst für die geringere Sterblichkeit verantwortlich ist.
Auch andere Unterschiede zwischen den Teilnehmern könnten eine Rolle gespielt haben. Zwar berücksichtigten die Forscher verschiedene Einflussfaktoren wie Ernährung, Rauchen und andere körperliche Aktivitäten, dennoch bleiben bei einer Beobachtungsstudie immer mögliche Verzerrungen bestehen.
Wie viel Krafttraining ist sinnvoll?
Die Ergebnisse sprechen nicht dafür, dass man täglich stundenlang trainieren muss. Im Gegenteil: In der Studie lag der Bereich mit dem günstigsten Zusammenhang bei etwa 90 bis 120 Minuten Krafttraining pro Woche.
Für die allgemeine Gesundheit kann es deshalb sinnvoll sein, Krafttraining regelmäßig in den Alltag einzubauen und gleichzeitig ausreichend Ausdauerbewegung zu betreiben. Dabei muss es nicht zwingend ein klassisches Training im Fitnessstudio sein. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, Widerstandsbändern oder anderen einfachen Trainingsformen können ebenfalls die Muskulatur beanspruchen. Entscheidend ist vor allem, regelmäßig aktiv zu sein und möglichst viele große Muskelgruppen einzubeziehen.
Die Ergebnisse ergänzen damit die Forschung zum Zusammenhang zwischen Bewegung und Gehirngesundheit: Ausdauertraining und Krafttraining müssen keine Gegensätze sein. Eine Kombination verschiedener Bewegungsformen könnte vielmehr besonders günstig für ein gesundes Altern sein.
Forscher suchen noch nach der optimalen Trainingsform
Noch ist nicht geklärt, wie viel Bewegung für die glymphatische Funktion besonders günstig ist und welche Art von Sport den größten Effekt haben könnte. Die Forscher wollen deshalb unter anderem herausfinden, ob bestimmte Trainingsformen besser geeignet sind als andere und ob sich die Empfehlungen für Menschen mit bereits bestehendem kognitivem Abbau oder einer diagnostizierten neurologischen Erkrankung unterscheiden sollten. Auch die Frage, wie häufig und wie intensiv trainiert werden sollte, ist noch nicht abschließend beantwortet.
Trotz dieser offenen Fragen spricht vieles dafür, Bewegung zu einem festen Bestandteil des Alltags zu machen. Denn körperliche Aktivität wirkt sich nicht nur auf Muskeln und Herz-Kreislauf-System aus, sondern kann auch Schlaf, Stoffwechsel, Gefäßgesundheit und möglicherweise verschiedene Prozesse im Gehirn positiv beeinflussen. Dr. Broatch betont deshalb, dass regelmäßige Bewegung – insbesondere Aktivitäten, die die Herzfrequenz erhöhen – für die Gesundheit insgesamt von Bedeutung ist. Gute Bewegungsgewohnheiten möglichst früh im Leben zu entwickeln, könnte daher auch für das gesunde Altern eine wichtige Rolle spielen. Die neue Forschung liefert einen weiteren möglichen Baustein dafür, warum Bewegung auch für unser Gehirn so wertvoll sein könnte.


