Prädiabetes ist eine Stoffwechselstörung, die weltweit Millionen von Menschen betrifft und als eine der wichtigsten Vorstufen des Typ-2-Diabetes gilt. Charakteristisch sind dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte, die jedoch noch nicht die diagnostischen Schwellenwerte eines manifesten Diabetes erreichen. Hinter dieser scheinbar moderaten Veränderung verbirgt sich jedoch ein komplexes biologisches Ungleichgewicht, das nahezu alle Systeme des Körpers betreffen kann. Im Zentrum steht eine zunehmende Insulinresistenz: Die Körperzellen reagieren immer schlechter auf das Hormon Insulin, das normalerweise dafür sorgt, dass Glukose aus dem Blut in die Zellen transportiert wird. Dadurch bleibt mehr Zucker im Blutkreislauf, was langfristig schädliche Prozesse in Gang setzt. Besonders betroffen sind Blutgefäße, Leber, Herz und das Nervensystem.
Eine neue große Studie des King’s College London, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Diabetes & Endocrinology, liefert nun wichtige neue Erkenntnisse über die Dynamik dieses Zustands. Die Forschenden zeigen, dass Prädiabetes nicht zwangsläufig ein irreversibler Vorläufer des Diabetes ist, sondern unter bestimmten Bedingungen wieder vollständig in einen normalen Stoffwechselzustand zurückgeführt werden kann.
Deutlich reduziertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Die Studie zeigt besonders, dass Personen, deren Blutzuckerwerte sich wieder normalisierten, ein um mehr als 50 Prozent geringeres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse hatten. Dazu zählen Herzinfarkte, Schlaganfälle, Herzinsuffizienz sowie Todesfälle infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Effekt unabhängig von der ursprünglichen Dauer des Prädiabetes auftrat. Das bedeutet: Selbst Personen mit längerer Vorgeschichte erhöhter Blutzuckerwerte konnten ihr Risiko deutlich senken, sofern es gelang, den Stoffwechsel wieder zu stabilisieren.
Diese Ergebnisse sind deshalb so relevant, weil sie die Sicht auf Prädiabetes verändern. Während der Zustand früher oft als „Zwischenphase“ betrachtet wurde, zeigt sich zunehmend, dass er aktiv beeinflusst werden kann – mit potenziell erheblichen Auswirkungen auf die langfristige Herzgesundheit.
Biologische Mechanismen: Warum Zucker das Herz beeinflusst
Die Verbindung zwischen Blutzucker und Herz-Kreislauf-System ist biologisch vielschichtig. Chronisch erhöhte Glukosewerte führen zu einer Reihe schädlicher Prozesse, die sich über Jahre hinweg summieren. Zum einen fördern sie chronische, niedriggradige Entzündungen in den Blutgefäßen. Diese Entzündungen schädigen die Innenwände der Arterien, wodurch sich Lipide leichter ablagern können. Dies ist ein zentraler Mechanismus der Atherosklerose, also der Gefäßverkalkung.
Zum anderen führt ein dauerhaft erhöhter Blutzucker zu oxidativem Stress. Dabei entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen, die Zellstrukturen, Proteine und DNA schädigen können. Besonders empfindlich reagieren die Endothelzellen der Blutgefäße, die für die Regulation des Blutflusses entscheidend sind. Über die Zeit resultiert daraus eine zunehmende Versteifung und Verengung der Arterien, was das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöht.
Die neue Studie zeigt jedoch, dass diese Prozesse nicht zwangsläufig irreversibel sind. Die Rückkehr zu normalen Blutzuckerwerten scheint viele dieser schädlichen Mechanismen zumindest teilweise zu bremsen oder zu stabilisieren. Dies deutet darauf hin, dass der menschliche Stoffwechsel ein hochdynamisches System ist, das auf Veränderungen in Ernährung, Bewegung und Lebensstil reagiert. Bereits moderate Verbesserungen der Insulinempfindlichkeit können offenbar ausreichen, um das Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Ereignisse deutlich zu senken.
Hormonelle Regulation: Cortisol als zentraler, aber oft übersehener Faktor
Cortisol wird in der Nebennierenrinde gebildet und gehört zu den zentralen Hormonen der sogenannten Stressachse des Körpers. Seine Ausschüttung wird über ein fein abgestimmtes Steuerungssystem im Gehirn reguliert, die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Dieses System sorgt normalerweise dafür, dass Cortisol einem klaren Tagesrhythmus folgt: Morgens sind die Spiegel am höchsten, um den Körper zu aktivieren, während sie im Tagesverlauf abfallen und nachts sehr niedrig sind. In akuten Belastungssituationen wie körperlichem Stress, Angst oder Verletzungen kann die Cortisolausschüttung kurzfristig stark ansteigen, was evolutionär gesehen ein wichtiger Überlebensmechanismus ist.
In dieser akuten Phase wirkt Cortisol wie ein umfassender Energieregulator. Es sorgt dafür, dass der Blutzuckerspiegel ansteigt, indem in der Leber gespeicherte Energiereserven in Form von Glukose freigesetzt werden. Gleichzeitig wird der Fett- und Eiweißstoffwechsel so angepasst, dass dem Körper schnell Energie zur Verfügung steht. Zusätzlich beeinflusst Cortisol das Herz-Kreislauf-System, indem es die Empfindlichkeit der Blutgefäße gegenüber anderen Stresshormonen wie Adrenalin erhöht und dadurch die Kreislaufstabilität verbessert. Auch das Immunsystem wird kurzfristig gedämpft, um in einer akuten Stresssituation Energie für andere lebenswichtige Funktionen verfügbar zu machen.

Problematisch wird dieser eigentlich schützende Mechanismus, wenn die Cortisolausschüttung nicht mehr nur kurzfristig erfolgt, sondern dauerhaft erhöht bleibt. Dieser Zustand, der als Hyperkortisolismus bezeichnet wird, führt dazu, dass der Körper in einer Art chronischem Alarmzustand verharrt. Die hormonelle Regulation verliert dabei ihre normale Rhythmik, wodurch tiefgreifende Veränderungen im Stoffwechsel entstehen. Besonders deutlich zeigt sich dies im Zuckerstoffwechsel, da Cortisol die Glukoseproduktion in der Leber dauerhaft anregt und gleichzeitig die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Insulin verringert. Dadurch kann sich schleichend eine Insulinresistenz entwickeln, die als zentraler Risikofaktor für Prädiabetes und Typ-2-Diabetes gilt.
Gleichzeitig beeinflusst ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel die Fettverteilung im Körper. Typisch ist eine verstärkte Einlagerung von Fett im Bauchraum, also viszeralem Fettgewebe, das stoffwechselaktiv ist und selbst entzündungsfördernde Botenstoffe produziert. Dieses Fettgewebe steht in enger Verbindung mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da es chronische, niedriggradige Entzündungsprozesse im Körper verstärken kann. Auch die Muskulatur wird bei dauerhaft erhöhtem Cortisol stärker abgebaut, was langfristig zu einer Abnahme der Muskelmasse und körperlichen Leistungsfähigkeit führt. Parallel dazu kann der Knochenstoffwechsel beeinträchtigt werden, wodurch die Knochendichte sinkt und das Risiko für Osteoporose steigt. Im Herz-Kreislauf-System wirkt sich ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel ebenfalls ungünstig aus. Zum einen verstärkt er die Wirkung anderer Stresshormone, zum anderen beeinflusst er die Salz- und Wasserregulation im Körper, was zu einem erhöhten Blutvolumen führen kann. Beide Mechanismen tragen dazu bei, dass der Blutdruck steigt und die Gefäße langfristig stärker belastet werden. Über Jahre hinweg erhöht dies das Risiko für arterielle Gefäßverengungen und damit für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Darüber hinaus spielt Cortisol auch eine komplexe Rolle im Immunsystem. Während es kurzfristig entzündungshemmend wirkt, kann eine chronisch erhöhte Konzentration paradoxerweise zu einer Dysregulation der Immunantwort führen. Statt einer klaren Unterdrückung oder Aktivierung kommt es häufig zu einer sogenannten „stummen Entzündung“, also einem Zustand, in dem leichte, aber dauerhaft bestehende Entzündungsprozesse im Körper aktiv bleiben. Diese Form der chronischen Entzündung wird heute als wichtiger Risikofaktor für viele Zivilisationskrankheiten angesehen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und neurodegenerative Erkrankungen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen aktuelle Forschungsergebnisse zusätzliche Bedeutung. Sie zeigen, dass bei einem überraschend hohen Anteil von Patienten mit schwer behandelbarem Bluthochdruck erhöhte Cortisolwerte nachweisbar sind. Das deutet darauf hin, dass hormonelle Dysregulationen möglicherweise eine deutlich größere Rolle in der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen als bisher angenommen wurde. Insgesamt wird damit deutlich, dass Cortisol nicht nur ein klassisches Stresshormon ist, sondern ein zentraler Regulator des gesamten Stoffwechselsystems, dessen chronische Fehlsteuerung weitreichende gesundheitliche Konsequenzen haben kann.
Die MOMENTUM-Studie: Häufigkeit hormoneller Störungen bei Bluthochdruck
Eine große multizentrische US-amerikanische Untersuchung im Rahmen eines sogenannten MOMENTUM-Programms untersuchte über 1.000 Patienten mit resistenter Hypertonie – also Bluthochdruck, der trotz mehrerer Medikamente nur schwer kontrollierbar ist. Die Forschenden nutzten unter anderem den Dexamethason-Suppressionstest, um Hinweise auf eine gestörte Cortisolregulation zu erfassen. Dabei wird normalerweise die körpereigene Cortisolproduktion unterdrückt. Bleibt der Cortisolspiegel erhöht, spricht dies für eine mögliche hormonelle Fehlregulation.
Die Auswertung zeigte, dass ein erheblicher Anteil der Patienten Hinweise auf einen Hyperkortisolismus aufwies. Zusätzlich traten bei vielen Betroffenen weitere hormonelle Störungen wie ein primärer Hyperaldosteronismus auf, der ebenfalls zur Entstehung von Bluthochdruck beitragen kann. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass hormonelle Ursachen bei therapieresistentem Bluthochdruck möglicherweise häufiger sind als bisher angenommen. Gleichzeitig eröffnen sie neue diagnostische Perspektiven, die über die klassische Behandlung mit Blutdruckmedikamenten hinausgehen.
Zuckerfrei ist nicht immer besser für den Stoffwechsel
Forscher des Dasman Diabetes Institute stellten auf der ENDO 2026, der Jahrestagung der Endocrine Society, Ergebnisse einer experimentellen Mausstudie vor, in der die Auswirkungen einer vollständig zuckerfreien, fettarmen Ernährung untersucht wurden. Die Tiere wurden über 16 Wochen entweder ohne Saccharose oder mit einer vergleichbaren Ernährung mit normalem Zuckergehalt gefüttert.
Trotz ähnlicher Körpergewichte zeigten die zuckerfrei ernährten Mäuse Veränderungen im Stoffwechsel, darunter eine verschlechterte Glukosetoleranz, Hinweise auf Insulinresistenz sowie Veränderungen im Fettstoffwechsel. Diese Befunde deuten darauf hin, dass nicht nur die Menge an Zucker, sondern auch die Verfügbarkeit bestimmter Kohlenhydrate eine Rolle für die Stoffwechselregulation spielt. Der Körper benötigt für eine stabile Glukosehomöostase ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Energiezufuhr, Hormonantworten und mikrobieller Aktivität im Darm.

Besonders auffällig waren die deutlichen Veränderungen im Darmmikrobiom. Die Zusammensetzung der bakteriellen Gemeinschaften im Darm reagiert sehr sensibel auf Änderungen der Ernährung. Bestimmte Bakterienarten sind darauf angewiesen, dass fermentierbare Kohlenhydrate verfügbar sind, um Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren zu bilden. Diese Substanzen wirken im Darm und im gesamten Körper entzündungshemmend, stärken die Darmbarriere und beeinflussen sogar die Insulinsensitivität in Muskel- und Lebergewebe. Wenn solche Nahrungsbestandteile vollständig fehlen, kann sich das Gleichgewicht der mikrobiellen Gemeinschaft verschieben, was wiederum Auswirkungen auf den gesamten Energiestoffwechsel haben kann. Auch die beobachteten Entzündungszeichen im Darm und in der Leber passen in dieses Bild. Die Leber ist ein zentrales Stoffwechselorgan, das eng mit dem Darm über die sogenannte Darm-Leber-Achse verbunden ist. Veränderungen im Mikrobiom können dort Signale auslösen, die den Fettstoffwechsel beeinflussen und im ungünstigen Fall zu einer erhöhten Fettansammlung in der Leber beitragen. Solche Prozesse stehen langfristig in Verbindung mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Stoffwechselstörungen wie Fettleber oder Insulinresistenz.
Die Ergebnisse widersprechen nicht der grundlegenden Erkenntnis, dass ein übermäßiger Zuckerkonsum gesundheitsschädlich sein kann. Sie weisen jedoch darauf hin, dass Ernährung nicht nur über „mehr oder weniger Zucker“ verstanden werden sollte, sondern als komplexes System, in dem verschiedene Nährstoffe miteinander interagieren. Ein vollständiger Verzicht auf einzelne Komponenten kann dabei unerwartete Anpassungsreaktionen im Stoffwechsel auslösen, die sich langfristig ebenfalls negativ auswirken können.
Das Darmmikrobiom: Zentrale Schnittstelle zwischen Ernährung und Stoffwechsel
Ein besonders wichtiger Aspekt betrifft auch das Darmmikrobiom. Die Billionen von Mikroorganismen im menschlichen Darm sind nicht nur passive Begleiter der Verdauung, sondern aktiv an der Regulation von Stoffwechsel, Immunsystem und Energiehaushalt beteiligt. Sie produzieren unter anderem kurzkettige Fettsäuren, die entzündungshemmend wirken und die Barrierefunktion des Darms stabilisieren. Gleichzeitig beeinflussen sie den Glukose- und Fettstoffwechsel sowie hormonelle Signalwege.
Ein vollständiger Entzug bestimmter Kohlenhydrate kann diese mikrobiellen Gemeinschaften aus dem Gleichgewicht bringen. Dadurch verschiebt sich die Produktion wichtiger Stoffwechselprodukte, was wiederum Auswirkungen auf Entzündungsprozesse und Insulinempfindlichkeit haben kann.
Ob Prädiabetes, hormonelle Dysregulation oder Ernährung – alle drei Forschungsrichtungen weisen auf ein gemeinsames Grundprinzip hin: Gesundheit ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewichtssystem. Sowohl zu hohe Blutzuckerwerte als auch dauerhaft erhöhte Stresshormone können dieses Gleichgewicht stören. Gleichzeitig zeigen Tier- und Humanstudien, dass auch extreme Ernährungsformen unerwartete metabolische Folgen haben können.
Neue Perspektiven für die Prävention und Stoffwechselmedizin
Die aktuellen Forschungsergebnisse zeichnen ein zunehmend komplexes Bild der menschlichen Stoffwechselgesundheit. Prädiabetes ist ein reversibler Risikozustand, dessen Normalisierung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich senken kann.
Gleichzeitig könnten hormonelle Faktoren wie Cortisol eine deutlich größere Rolle bei der Entstehung von Bluthochdruck spielen als bisher angenommen. Ergänzend dazu zeigt die Tierforschung, dass nicht nur die Reduktion von Zucker, sondern auch dessen vollständiger Verzicht biologische Systeme beeinflussen kann – insbesondere über das Darmmikrobiom.
Insgesamt wird deutlich, dass Herz- und Stoffwechselgesundheit nicht durch einzelne Maßnahmen bestimmt werden, sondern durch das fein abgestimmte Zusammenspiel vieler Systeme. Prävention bedeutet daher zunehmend nicht radikale Eingriffe, sondern die Wiederherstellung eines stabilen biologischen Gleichgewichts.


