Seit Jahrzehnten wird in Biologie-Lehrbüchern gelehrt, dass menschliches Haar wächst, weil sich Zellen an der Basis des Haarfollikels teilen und den Haarschaft nach oben drücken. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Erklärung unvollständig ist. Wissenschaftler haben nun Hinweise darauf gefunden, dass das Haarwachstum durch eine verborgene Zugkraft angetrieben wird, die von sich bewegenden Zellen im Inneren des Haarfollikels erzeugt wird.
Diese Entdeckung stellt eine seit langem bestehende Sichtweise auf das Haarwachstum in Frage und könnte Forscher dazu veranlassen, alles neu zu überdenken – von Behandlungen gegen Haarausfall bis hin zur regenerativen Medizin. Die Ergebnisse stammen von Forschern von L’Oréal Research & Innovation und der Queen Mary University of London und wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.
Im Inneren des Haarfollikels
Ein Haarfollikel ist eine komplexe Struktur in der Haut, die jedes einzelne Haar bildet und versorgt. An der Basis des Follikels befindet sich die Haarzwiebel, in der sich Zellen rasch teilen, um neues Haar zu bilden. Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass diese neu gebildeten Zellen wie ein Förderband wirken, das ältere Zellen nach oben drückt und so dafür sorgt, dass das Haar aus der Kopfhaut herauswächst.

Um zu untersuchen, ob diese Erklärung das gesamte Bild abdeckt, nutzten die Forscher fortschrittliche 3D-Live-Bildgebungstechnologie, um lebende menschliche Haarfollikel zu beobachten, die in einer Laborkultur gehalten wurden. Im Gegensatz zur herkömmlichen Mikroskopie, die nur Standbilder erfasst, ermöglichte dieser Ansatz den Wissenschaftlern, die Bewegung und Interaktion einzelner Zellen in Echtzeit zu verfolgen.
Das Team konzentrierte sich auf die äußere Wurzelscheide, eine Gewebeschicht, die den wachsenden Haarschaft umgibt. Überraschenderweise beobachteten sie, dass sich Zellen innerhalb dieser Schicht in einem koordinierten spiralförmigen Muster nach unten bewegten. Noch faszinierender war, dass diese Bewegung genau in dem Bereich stattfand, in dem offenbar die Kraft ihren Ursprung hatte, die das Haar nach oben zieht.
Ein verborgener zellulärer Motor
Dr. Inês Sequeira, außerordentliche Professorin für Mund- und Hautbiologie an der Queen Mary und eine der Hauptautorinnen der Studie, sagte: „Unsere Ergebnisse enthüllen eine faszinierende Choreografie im Inneren des Haarfollikels. Jahrzehntelang ging man davon aus, dass das Haar von den sich teilenden Zellen in der Haarzwiebel nach außen gedrückt wird. Wir haben stattdessen festgestellt, dass es aktiv von umgebendem Gewebe nach oben gezogen wird, das fast wie ein winziger Motor wirkt.“ Die Entdeckung legt nahe, dass das Haarwachstum nicht nur von der Bildung neuer Zellen abhängt, sondern auch von mechanischen Kräften, die durch die koordinierte Bewegung der Zellen innerhalb des Follikels selbst erzeugt werden. Diese Bewegung funktioniert ähnlich wie ein winziger biologischer Motor: Statt das Haar ausschließlich von unten herauszudrücken, erzeugt das umgebende Gewebe eine Zugkraft, die den Haarschaft aktiv nach oben bewegt. Der Haarfollikel nutzt dabei die eigenen Zellbewegungen, um eine Art mechanisches Wachstumssystem aufzubauen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Protein Aktin. Dieses Bestandteil des Zellgerüsts ermöglicht es Zellen, ihre Form zu verändern, sich fortzubewegen und Kräfte auf ihre Umgebung auszuüben. Durch die koordinierte Aktivität vieler einzelner Zellen entsteht eine größere mechanische Wirkung, die den gesamten Haarwachstumsprozess unterstützt.
Die Entdeckung verändert die bisherige Vorstellung darüber, wie biologische Strukturen wachsen. Sie zeigt, dass Wachstum nicht allein durch Zellproduktion und chemische Signale gesteuert wird, sondern auch durch physikalische Kräfte innerhalb des Gewebes. Solche mechanischen Prozesse gewinnen in der modernen Biologie zunehmend an Bedeutung. Wissenschaftler erkennen immer häufiger, dass Zellen ihre Umgebung nicht nur beeinflussen, sondern auch auf mechanische Signale reagieren. Diese Wechselwirkungen spielen beispielsweise bei der Entwicklung von Organen, der Wundheilung und der Regeneration von Gewebe eine wichtige Rolle. Für die Haarforschung könnte diese Erkenntnis besonders bedeutsam sein. Wenn die mechanischen Kräfte im Haarfollikel besser verstanden werden, könnten zukünftige Therapien gegen Haarausfall möglicherweise nicht nur die Zellteilung oder hormonelle Prozesse beeinflussen, sondern auch gezielt die Bewegungsfähigkeit und Kraftentwicklung der Zellen ansprechen.
Haarwachstum in Echtzeit erfassen
Um ihre Theorie zu überprüfen, führten die Forscher eine Reihe von Experimenten durch, mit denen die Auswirkungen der Zellteilung von denen der Zellbewegung getrennt werden sollten. Zunächst blockierten sie die Zellteilung im Inneren des Haarfollikels. Wäre die herkömmliche Erklärung vollständig richtig, hätte sich das Haarwachstum drastisch verlangsamen oder ganz zum Stillstand kommen müssen. Stattdessen produzierten die Haarfollikel weiterhin Haare in nahezu derselben Geschwindigkeit wie zuvor.

Das Team richtete sein Augenmerk anschließend auf Aktin, ein Protein, das in Zellen im gesamten Körper vorkommt. Aktin spielt eine entscheidende Rolle dabei, dass sich Zellen bewegen, ihre Form verändern und Kraft erzeugen können. Als die Forscher die Aktinaktivität unterbrachen, waren die Ergebnisse dramatisch. Die Haarwachstumsraten sanken um mehr als 80 Prozent, was darauf hindeutet, dass Zellbewegung und Krafterzeugung wesentliche Bestandteile des Wachstumsprozesses sind. Computersimulationen untermauerten diese Erkenntnisse. Die Modelle zeigten, dass die koordinierte Bewegung der Zellen in den äußeren Schichten des Haarfollikels Zugkräfte erzeugte, die stark genug waren, um die beobachtete Bewegung des Haarschafts zu erklären.
Dr. Nicolas Tissot, Erstautor der Studie aus dem Advanced Research-Team von L’Oréal, betonte die Bedeutung des neuen Bildgebungsverfahrens: „Wir verwenden eine neuartige Bildgebungsmethode, die 3D-Zeitraffermikroskopie in Echtzeit ermöglicht. Während statische Bilder lediglich isolierte Momentaufnahmen liefern, ist die 3D-Zeitraffermikroskopie unverzichtbar, um die komplexen, dynamischen biologischen Prozesse im Haarfollikel wirklich zu entschlüsseln und entscheidende zelluläre Kinetik, Migrationsmuster sowie die Geschwindigkeit der Zellteilungen aufzudecken, die sich aus einzelnen Beobachtungen sonst nicht ableiten lassen. Dieser Ansatz ermöglichte es, die lokal erzeugten Kräfte zu modellieren.“ Durch die Verfolgung lebender Zellen über einen längeren Zeitraum hinweg konnten die Forscher biologische Prozesse beobachten, die mit herkömmlichen Methoden verborgen geblieben wären.
Neue Möglichkeiten für die Haarausfallforschung
Die Ergebnisse der Studie könnten wichtige Auswirkungen auf das Verständnis von Haarausfall und die Entwicklung neuer Therapien haben. Dr. Thomas Bornschlögl, ein weiterer Hauptautor aus dem Advanced-Research-Team von L’Oréal, erklärte: „Dies zeigt, dass das Haarwachstum nicht nur durch Zellteilung angetrieben wird – vielmehr zieht die äußere Wurzelscheide das Haar aktiv nach oben. Diese neue Sichtweise auf die Mechanik der Haarfollikel eröffnet neue Möglichkeiten für die Erforschung von Haarerkrankungen, die Prüfung von Medikamenten sowie die Weiterentwicklung der Gewebezüchtung und der regenerativen Medizin.“
Wissenschaftler erkennen zunehmend, dass biologische Gewebe nicht nur durch Gene und chemische Signale, sondern auch durch physikalische Kräfte geprägt werden. Das Verständnis, wie diese Kräfte das Haarwachstum beeinflussen, könnte Forschern helfen, zukünftige Behandlungen zu entwickeln, die sowohl auf das biochemische Umfeld des Haarfollikels als auch auf dessen mechanisches Verhalten abzielen. Obwohl die Experimente an menschlichen Haarfollikeln durchgeführt wurden, die in einer Laborkultur gezüchtet wurden, und nicht direkt am Menschen, liefern die Ergebnisse wertvolle neue Erkenntnisse über die Funktionsweise von Haarfollikeln. Die Forscher sind zudem der Ansicht, dass sich ihre Bildgebungstechnik zu einem leistungsstarken Werkzeug zur Bewertung potenzieller Therapien gegen Haarausfall entwickeln könnte, da sie es Wissenschaftlern ermöglicht, in Echtzeit zu beobachten, wie lebende Follikel auf verschiedene Medikamente und Behandlungen reagieren.
Eine neue Rolle für die Biophysik in der alltäglichen Biologie
Die Studie zeigt nicht nur neue Erkenntnisse über das Haarwachstum, sondern unterstreicht auch die wachsende Bedeutung der Biophysik. Dieses Forschungsgebiet untersucht, wie physikalische Kräfte biologische Prozesse im Körper beeinflussen.
Lange Zeit konzentrierte sich die Biologie vor allem auf Gene und chemische Signale. Heute wissen Wissenschaftler jedoch, dass Zellen auch mechanische Kräfte erzeugen, sich bewegen und ihre Umgebung aktiv beeinflussen können. Diese Prozesse spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Erneuerung von Geweben. Der Haarfollikel ist ein Beispiel dafür: Ein scheinbar einfacher Vorgang wie das Haarwachstum beruht offenbar auf einem komplexen Zusammenspiel aus Zellteilung, Zellbewegung und mechanischen Kräften.
Die Entdeckung verdeutlicht, dass selbst alltägliche biologische Prozesse oft komplexer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Die Forscher hoffen, dass ein besseres Verständnis der mechanischen Kräfte in Geweben künftig dabei helfen kann, neue Methoden zur Untersuchung und Behandlung von Erkrankungen zu entwickeln. Die Biophysik könnte damit eine wichtige Rolle spielen, um die verborgenen Mechanismen des menschlichen Körpers weiter zu entschlüsseln.


