Eine wichtige neue US-Richtlinie zum Cholesterin verlagert den Schwerpunkt auf eine frühzeitigere und individuellere Prävention von Herzerkrankungen. Sie fordert dazu auf, früher mit Vorsorgeuntersuchungen zu beginnen – manchmal sogar schon im Kindesalter – und betont, wie wichtig es ist, nicht nur das LDL-Cholesterin („schlechtes“ Cholesterin) zu überwachen, sondern auch genetische Risikofaktoren wie Lipoprotein(a). Ein neuer, fortschrittlicherer Risikorechner nutzt nun umfassendere Gesundheitsdaten, um das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle über Jahrzehnte hinweg besser vorherzusagen.
Auf niedrigere LDL-Cholesterinwerte achten
Zum ersten Mal seit 2018 haben das American College of Cardiology und die American Heart Association aktualisierte klinische Leitlinien zur Vorsorgeuntersuchung und Behandlung von Blutcholesterin veröffentlicht. Die Empfehlungen wurden im „Journal of the American College of Cardiology“ und in „Circulation“ veröffentlicht und auf der 75. jährlichen wissenschaftlichen Tagung des American College of Cardiology in New Orleans vorgestellt. Die Veröffentlichung erfolgte kurz vor dem Erscheinen eines verwandten Artikels mit dem Titel „The ABCs of Cardiovascular Disease Prevention: Communicating What We Know in 2026“ im American Journal of Preventive Cardiology.Fokus auf LDL, Blutfette und personalisiertes Risiko.

Im Mittelpunkt der aktualisierten Leitlinien steht die Senkung des LDL-Cholesterins (Low-Density-Lipoprotein), allgemein bekannt als „schlechtes Cholesterin“, sowie anderer Blutfette wie Lipoprotein(a) oder Lp(a). Außerdem wird die Notwendigkeit einer frühzeitigeren Vorsorgeuntersuchung hervorgehoben, insbesondere für Menschen mit Herzerkrankungen in der Familienanamnese, und es werden stärker individualisierte Risikobewertungen gefordert, die auf Faktoren wie bestehenden Gesundheitszuständen basieren. Diese Maßnahmen sollen fundiertere, gemeinsam getroffene Entscheidungen zwischen Patienten und Ärzten unterstützen.
„Wir wissen, dass niedrigere LDL-Cholesterinwerte besser sind, wenn es darum geht, das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzinsuffizienz zu senken“, sagte Dr. Roger S. Blumenthal, Vorsitzender des Leitlinienausschusses und Direktor des Johns Hopkins Ciccarone Center for the Prevention of Cardiovascular Disease. „Wir wissen auch, dass die Senkung erhöhter Blutfettwerte und des Blutdrucks bei jungen Erwachsenen eine optimale Herz- und Gefäßgesundheit während des gesamten Lebens fördert.“
Warum eine frühzeitige Vorsorge wichtig ist
Die Aktualisierung erfolgt vor dem Hintergrund von Forschungsergebnissen, wonach etwa jeder vierte Erwachsene in den Vereinigten Staaten einen erhöhten LDL-Cholesterinspiegel (LDL-C) aufweist, der maßgeblich zur Atherosklerose (Verengung oder Verhärtung der Arterien) beiträgt. Auch in Europa sind erhöhte LDL-Cholesterinwerte weit verbreitet und betreffen schätzungsweise rund ein Viertel bis ein Drittel der Erwachsenen.
Wenn sich bestimmte Lipide ansammeln, können sie Plaque an den Arterienwänden bilden. Diese Plaque kann den Blutfluss einschränken und unter bestimmten Umständen reißen, was einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen oder eine dringende medizinische Behandlung zur Wiederherstellung der Durchblutung erforderlich machen kann. Trotz dieser Risiken bleibt der zentrale Ratschlag zur Erhaltung der Herzgesundheit unverändert. Experten betonen weiterhin die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung, regelmäßiger körperlicher Aktivität, des Verzichts auf Tabak, ausreichenden Schlafs und der Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts. Laut Blumenthal stehen etwa 80 bis 90 % der Herz-Kreislauf-Erkrankungen zumindest teilweise mit Faktoren in Zusammenhang, die Menschen beeinflussen können, weshalb Änderungen des Lebensstils ein entscheidender erster Schritt sind.
Frühere Vorsorgeuntersuchungen und genetische Risikofaktoren
Eine wesentliche Neuerung in den neuen Leitlinien ist die Forderung nach Vorsorgeuntersuchungen in jüngerem Alter und einer umfassenderen Betrachtung des persönlichen Risikos. Ärzte werden dazu angehalten, bei der Risikobewertung und Behandlungsplanung die familiäre Vorbelastung mit Arteriosklerose, Grunderkrankungen wie rheumatoide Arthritis sowie Lebensereignisse wie eine frühe Menopause oder Schwangerschaftskomplikationen – einschließlich Präeklampsie oder Schwangerschaftsdiabetes – zu berücksichtigen.
Beispielsweise sollten Personen mit familiärer Hypercholesterinämie, einer genetisch bedingten Erkrankung, die zu sehr hohen LDL-C-Werten führt, nun bereits in jüngeren Jahren mit Vorsorgeuntersuchungen beginnen, und zwar ab etwa dem 9. Lebensjahr (oder früher). Die Leitlinie empfiehlt zudem einen einmaligen Test auf Lp(a), das mit einem erblichen Risiko verbunden ist und das Risiko für Herzerkrankungen bei Werten von 125 Nanomol pro Liter um etwa 40 % erhöhen sowie bei 250 Nanomol pro Liter verdoppeln kann.
Neuer Risikorechner erweitert Langzeitprognose
Eine weitere wichtige Neuerung ist die Einführung eines neuen Tools zur Abschätzung des 10- und 30-Jahres-Risikos für Herzinfarkt und Schlaganfall. Das bisherige Modell konzentrierte sich hauptsächlich auf das 10-Jahres-Risiko für Erwachsene ab 40 Jahren und stützte sich auf grundlegende Faktoren wie Alter, Cholesterinwerte und Blutdruck. Der neue Rechner, „Predicting Risk of Cardiovascular Disease EVENTs“ (PREVENT), berücksichtigt zusätzliche Messgrößen wie Blutzucker und Nierenfunktion. Er ist für die Anwendung ab dem 30. Lebensjahr konzipiert und basiert auf Daten von 6,6 Millionen Menschen, verglichen mit nur 26.000 im früheren Modell.

„Eine Verlagerung des Paradigmas hin zu proaktiven Präventionsstrategien in jüngeren Lebensjahren kann den Verlauf von Herz-Kreislauf-Erkrankungen entscheidend verändern und Jahrzehnte später zu besseren Gesundheitsergebnissen führen“, sagt Dr. med. Seth Martin, M.H.S., Kardiologe und Mitglied des Leitlinienausschusses.
Zusätzliche Tests und personalisierte Behandlungsentscheidungen
Um die Risikoschätzungen weiter zu verfeinern, nennt die Leitlinie zusätzliche Faktoren, die Ärzte berücksichtigen können und die als „Risikoverstärker“ bezeichnet werden. Bei Menschen mit einem grenzwertigen oder moderaten Risiko können Ärzte zusätzliche Tests zur Entscheidungsfindung heranziehen. Dazu gehören die Messung von Entzündungswerten mittels hochsensitivem C-reaktivem Protein (hsCRP), die Bestimmung der Lp(a)-Werte sowie die Überprüfung der Familienanamnese und der Abstammung. Bildgebende Verfahren wie Koronarkalk-Scans werden ebenfalls empfohlen, um Kalkablagerungen zu erkennen, die auf eine Plaquebildung hindeuten, und so Behandlungspläne präziser anzupassen.
Koronarkalk-Scans sind spezielle bildgebende Untersuchungen des Herzens, die mithilfe der Computertomographie (CT) durchgeführt werden. Dabei wird ohne Eingriff in den Körper (nicht-invasiv) gemessen, wie viel Kalk sich in den Herzkranzgefäßen befindet. Diese Kalkablagerungen entstehen im Rahmen der Arteriosklerose, bei der sich sogenannte Plaques in den Gefäßwänden bilden und die Gefäße verengen können.
Das Ergebnis des Scans ist der sogenannte „Kalzium-Score“, der angibt, wie stark die Herzkranzgefäße verkalkt sind. Ein höherer Wert bedeutet ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einen Herzinfarkt. Ärzte nutzen diese Information, um das individuelle Risiko besser einzuschätzen und gegebenenfalls frühzeitig Maßnahmen wie Lebensstiländerungen oder medikamentöse Therapien einzuleiten.
Erweiterte Therapiemöglichkeiten und niedrigere LDL-Zielwerte
Die aktualisierten Leitlinien befassen sich mit Behandlungsstrategien für eine Vielzahl von Personengruppen, darunter Schwangere und stillende Frauen, Erwachsene ab 75 Jahren sowie Menschen mit Erkrankungen wie Diabetes, fortgeschrittener Nierenerkrankung, HIV oder Krebs.
Neben Statinen enthält die Leitlinie aktualisierte Empfehlungen zu anderen cholesterinsenkenden Therapien, darunter Ezetimib, Bempedoinsäure und injizierbare monoklonale PCSK9-Antikörper. Diese Optionen sind besonders wichtig für Personen, die nicht gut auf Statine ansprechen oder mehrere Therapien zur Senkung des LDL-C benötigen. Für Menschen ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten LDL-C-Werte unter 100 mg/dl als optimal. Personen mit mittlerem Risiko wird empfohlen, die Werte auf unter 70 mg/dl zu senken, während Personen mit hohem Risiko einen Wert von weniger als 55 mg/dl anstreben sollten. Die Leitlinie enthält auch Zielwerte für das Nicht-HDL-Cholesterin und das Apolipoprotein B.
In einem begleitenden Leitartikel schlagen Experten vor, dass künftige Empfehlungen die Senkung des LDL-C-Spiegels auf unter 55 mg/dl bei Menschen mit moderater Atherosklerose noch stärker betonen könnten. Diese Ausrichtung wird durch Ergebnisse der klinischen Studie VESALIUS-CV gestützt, die Vorteile einer aggressiven Cholesterinsenkung durch eine Kombinationstherapie aufzeigte.
Die Leitlinie zur Behandlung von Dyslipidämie aus dem Jahr 2026 wurde vom American College of Cardiology und der American Heart Association in Zusammenarbeit mit mehreren medizinischen Organisationen entwickelt, die sich auf Herz-Kreislauf-Gesundheit, Prävention und Patientenversorgung konzentrieren.


